"Gerlachsheimer Persönlichkeiten - Franz Fürstenwerth"

Harald Hammer

Gerlachsheimer Chronik


Z wei Kilometer nördlich von Lauda nimmt die Tauber den Grünbach auf. Im Talausgang des Grünbachs liegt etwas zurückversetzt das Dorf Gerlachsheim, heute Stadtteil von Lauda-Königshofen. Die ersten Spuren menschlicher Siedlungen gehen etwa auf das Jahr 2000 v.Christus zurück. Im Jahr 1950 stieß man bei Ausschachtungsarbeiten am Hühnerberg auf einen Siedlungsrest der Jungsteinzeit. Unter anderem fand man Teile dreier großer Vorratsgefäße in fast zylindrischer Eimerform. Diese Tongefäße sind typisch für die Michelberger (so genannt nach dem ersten Fundort, dem Michelsberg bei Bruchsal), die mit den Schnurkeramiken am Ende der Jungsteinzeit 2000-1700 v. Chr. bei uns eingewandert sein müssen.

1957 fand man bei Grabarbeiten am Hühnerberg eine Siedlung aus der Hallstattzeit, etwa 1200-480 v. Chr. Der Ortsname Gerlachsheim dürfte wie alle "heim" Orte zu den früheren fränkischen Siedlungen aus dem 6. Jahrhundert zu zählen sein. Urkundlich erwähnt wird der Name in Zusammenhang mit einem hiesigen Adelsgeschlecht im Jahre 1221. Das Dorf gehörte zur Herrschaft Zimmern-Luden. Von den Herren von Rineck und Hanau erwarb Elisabeth, Witwe Gottfrieds von Hohenlohe, Tochter des Grafen Boppo von Wertheim, zwei Drittel des Dorfes mit allen Rechten, um sie im Jahre 1319 dem Kloster Gerlachsheim zuschenken. Nach und nach gelangte das Dorf Gerlachsheim in den völligen Besitz des Klosters, das im 16.Jahrhundert auf Würzburg überging.

Schirmherr des Dorfes und Klosters mit Landesfürstlicher Obrigkeit war die Herrschaft zu Lauda. Die geistliche Obrigkeit besaß Mainz, sie wurde aber im Jahre 1585 unter dem Bischof Julius ebenfalls nach Würzburg abgetreten. 1803 wurde Gerlachsheim Eigentum des Fürsten Salm-Reifferscheid-Krautheim, der im Kloster zu Gerlachsheim residierte und 1838 seine Standesherrschaft an Baden verkaufte. Dieses hatte seit 1806 die Landeshoheit ausgeübt.

Der Ortsname Gerlachsheim erfuhr über die letzten Jahrhunderte verschiedene Schreibweisen: 1209 - Gerlagesheim; 1232 - Gerlachesheim; 1245 - Gerlaisheim; 1281 - Gerlahisheim 1346 - Gerlosheim; 1439 - Gerlichsheim; 1454 - Gerletzheimbis schließlich die heutige Schreibweise Gerlachsheim wurde. Gerlachsheim war durch sein Kloster über Jahrhunderte hinweg ein Mittelpunkt des kulturellen Lebens im Mittleren Taubertal. Aus Urkunden weiß man, dass in Gerlachsheim schon zu Beginn des 13. Jarhunderts Weinbau betrieben wurde. Besonders Ende 17. Jh. und 18. Jh. war die Blütezeit des Dorfes Gerlachsheim. Durch den Weinhandel waren viele Bürger zu Reichtum und Ansehen gekommen. Davon zeugen heute noch schöne Bildstöcke und Häuser in Gerlachsheim und im Weinberg.

Gerlachsheimer Sage


D as Metzemichele - oder der geizige Bauer von Gerlachsheim Wie auch andere Ortschaften und Gemeinden hat auch Gerlachsheim seine eigene Sagenwelt. Dieser entstammt die Geschichte vom „Metzemichele" oder „Der geizige Bauer von Gerlachsheim". Noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde vor allem den Kindern mit dem Metzemichele gedroht wenn sie nicht artig waren oder etwas angestellt hatten. Vielfach ist diese Sage mittlerweile jedoch aus den Köpfen der Gerlachsheimer verschwunden. Doch hier die Geschichte: Es geht hier die Sage, dass im Gewann „Weidenseil" (hinter dem Gipsbruch zwischen Gerlachsheim und Marbach) ein Gespenst an manchen Tagen zu sehen sei: das Metzemichele.

Es soll vor über 300 Jahren hier als geiziger Bauer gelebt haben. Im 30jährigen Krieg nutzte er die Not der armen Bevölkerung aus und gab zum Beispiel für einen Acker einen Metzen Gerste (Metze oder auch Sester genannt = alte Hohlmaße für in Säcke abzufüllendes Gut wie Getreide, regional jedoch unterschiedlich, ein badisches Sester sind etwa 15 l). Dafür bestrafte ihn der Herrgott. Nach seinem Tod muss Metzemichele bis zum heutigen Tag umgehen und kann keine Ruhe finden. Ein Mönch soll ihn in einen Krug verschworen und Metzemichele ins Gewann „Weidenseil" gebracht haben.

Aber auch da findet er keine Ruhe. Leute wollen ihn schon mittags von 12 bis 1 Uhr, aber auch abends nach dem Ave-Maria-Läuten gesehen haben. Dabei passiert es, dass er schaffende Bauersleute an Bäume bindet und sie ängstigt. Dann verändert er seine Gestalt, wird klein und hernach so groß wie ein Kirchturm und verschwindet wieder in seinen Krug.

"Histogramm von Gerlachsheim - Histogramm"

Harald Hammer

Schlatter, Friedrich


Katholischer Priester
Generalsekretär des Bonifatiusvereins
*18.08.1878 in Gräfenhausen im Schwarzwald
+ 03.06.1927 in New York

Schlatter studierte ab 1897 Theologie in Freibur g und wurde 1901 ordiniert. Noch im gleichen Jahr wurde er Vikar und Lehrer in den Lender' schen Anstalten in Sasbach, dann in rascher Folge Pfarrverweser in Gerlachsheim (1905) , und Adelsheim (1907), wo er 1908 auf die Stelle des Stadtpfarrers aufrückte und 1911 n ach Philippsburg wechselte. Sein eigentliches Aufgabengebiet erreicht er mit der Berufung in die Zentrale des Bonifatiusvereins in Paderborn (1913). Er wurde Schriftleiter de s Bonifatiusblattes und erster hauptamtlicher Generalsekretär des Vereins. Nach einem Einsat z als Divisionspfarrer an der Westfront im 1. Weltkrieg reiste er im September 1920 in di e USA, um dort um Unterstützung durch den durch Krieg und Geldentwertung in Bedrängni s geratenen Bonifatiusverein zu werben. Schlatter war in dieser Aufgabe sehr erfolgreic h; ab 1923 gab es eine eigene Sammelstelle in New-York. Seine rastlose Tätigkeit und sein be scheidenes Leben in der Mönchszelle eines Kapuzinerklosters fanden große Anerke nnung. Im Jahr 1922 wurde er päpstlicher Geheimkämmerer und 1923 Hausprälat.

1927 gela ng ihm die Gründung eines amerikanischen Zweiges des Bonifatiusvereins, der St. Boniface Society, die er bis zu seinem Tode leitete. Die Bedeutung von Schlatter liegt in seiner Arbeit für den 1849 gegründeten Bonifatiusverein, dessen Aufgabe vor allem die Unterstützung der Katholiken in der Diaspora war. Schlatter gelang es, Bayern zum Anschluß an den Boni fatiusverein zu bewegen. Er gab ab 1912 das Sonntagsblatt »Leo« heraus und im Krieg die religiöse Zeitschrift »Am Lagerfeuer«, die kostenlos an die Soldaten verteilt wurde. Se in Einsatz in den USA brachte einen Strom von Spenden nach Deutschland zum Fließen, dem in der Inflationszeit viele Diasporaeinrichtungen der katholischen Kirche und auch das Bonifatiusblatt das Überleben verdankten.

Werke:
Beiträge in den von ihm redigierten Zeitschriften.

Literatur.:
The Father of Orphans (Gedenksch rift); Nachruf Leo 1927 Nr. 26 und 31; Bonifatiusblatt 76, 1927, 73; Necrologium Fribur gense, Schlatter Friedrich in: FDA 59, 1931, 10-11; Karl Franz, Ein Jahrhundert tätiger So rge um die Brüder in der Zerstreuung, in: In heiliger Sendung, 100 Jahre Diaspora-Arbeit, Paderborn 1949, 97-163; Wilhelm Sandfuchs, Prälat Friedrich Schlatter (1878-1927), in : St. Konradsblatt 42, 1958, 750-751; LThK IX, 263- 64, LThK IX, 410.

Quelle:
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon

Stein, Fritz


Dirigent
*17.12.1879 in Gerlachsheim, als Sohn eines Taubstummenlehrers
+ 14.11.1961 in Berlin

Stein war, Freund und Förderer des berühmten Musikers und Komponisten Max Reger und wurde im Dritten Reich zum Generalmusikdirektor in Berlin. Der deutsche Dirigent und Musikwissenschaftler, Fritz Stein (tatsächlich Friedrich Wi1helm), studierte zunächst Theologie in Karlsruhe, nahm dann Kurse in Musikwissenschaft bei Philipp Wolfrum in Heidelberg. Anschließend ging er nach Leipzig, wo er verschiedene Themen mit Krehl, Nikisc h, Riemann und Karl Straube studierte. Er beendete seine musikwissenschaftliche Ausbildung an der Universität Heidelberg mit dem Abschluss eines Dr.-Phil. im Jahre 1910. Sein Dissertationsthema befasste sich mit der „Geschichte der Musik in Heidelberg“, die er im Jahre 1912 herausgab. Stein ging 1906 als Musikdirektor nach Jena und wurde dort Universitäts- und Stadtorganisten. Im Jahr 1913 wurde er zum Professor der Musikwissenschaft an der Universität ernannt. 1914 sollte er die Meininger Hofkapelle als Dirigent von Max Reger übernehmen, wurde aber als Soldat verpflichtet. Er diente während des ersten Weltkrieges als Soldat in der deutschen Armee und gründete an der Westfront aus den Truppen einen Männerchor.

Im Jahre 1920 wurde Stein als Dozent für Musikwissenschaften an die Universität Kiel berufen. Dort war er von 1928 bis 1933 auch als Professor tätig. Im Jahr 1933 wurde er Direktor der Hochschule für Musi k in Berlin und behielt diese Position bis zum Ende des zweiten Weltkriegs im Jahr 1945. Stein soll auch traurige Berühmtheit erlangt ha ben, so jedenfalls besagen es die Recherchen seiner Kritiker. Er soll in der Bibliothek der Universität Jena Teile einer Sinfonie von einem unbekannten Kopisten, die als Beethoven-Kom position ausgegeben wurden, entdeckt haben. Diese Sinfonie wurde als die „Jena Sinfonie“ berühmt und wurde von vielen Zeitgenossen als eine echte Entdeckung bejubelt. Angeblich ab er soll die Sinfonie bereits 1911 von Breitkopf & Härtel herausgegeben worden sein. Trotzdem war es ein Erfolgsstück, das in aller Welt gespielt wurde. Leider so sagen seine Kritiker , gab Stein seine eigene Exegese als „Eine unbekannte Jugendsymphonie Beethovens" heraus. Diese Aussage wird jedoch auch von Musikfachleuten mit einem Fragezeichen vers ehen.

Stein gab 1939 auch eine Monographie von Max Reger heraus sowie: Max Reger: Sein Leben in Bildern (eine bildliche Biographie; Leipzig, 1941). Des Weiteren brachte Stein eine n thematischen Katalog von Regers Arbeiten (Leipzig, 1934) heraus, redigierte Arbeiten von Johann Christian Bach, Telemann, Händel, Beethoven und anderen großen Komponisten und schrieb Essays zu zahlreichen Fritz und Gretel Stein (links unten), bei der Taufe ihres Sohnes Max Martin Stein, halbschräg dahinter stehend Max Reger. Jena, 25. Deze mber 1911. Quelle: Max Reger Institut, Karlsruhe. Fritz Stein im Alter (1962). Quelle: Max Re g er Institut , Karlsruhe wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Anlässlich seines 60. Geburtstages (1939) wurde zu Steins Ehren eine Festschrift herausgegeben. Stein, der 1961 in Berlin verstarb, hatte se inen Geburtsort Gerlachsheim nach 1945 noch mehrmals besucht.

Ein ebenfalls bekannter Musiker und Zeitgenosse Steins schrieb über ihn: „Aber auch rückhaltlose Anerkennung, ja sogar Bewunderung einer überragenden Leistung charakterisiert seine Stellung als Prüfungsvorsitzenden. So ist mir noch erinnerlich, wie er einmal nach einer Reifeprüfung dem Kandidaten vor dem versammelten Prüfungsausschuss das Ergebnis mit folgenden Worten mitteilte: „Wir haben eigentlich keine Zensur, die ihre Leistungen ganz und voll würdigen könnte, denn Sie übertrafen bei weitem unsere beste Zensur ́ausgezeichnet ́, die Sie in jedem Fach bekommen haben“. Dies die Worte Steins. Der Prüfungskandidat damals aber war Sergiu Cellibidache.“

1959 schrieb Dr. Fritz Stein aus London folgende Zeilen für das Ehrenbuch der Frankenstube in Tauberbischofsheim: Erinnerung an die Heimat Der Abstammung nach Alemanne – meine Vorelte rn saßen seit Jahrhunderten als kleine Weinbauern am Kaiserstuhl – fühle ich mich doch mit allen Herzensfasern dem Taubertal verbunden. Geboren im alten Kloster zu Gerlachsheim, damals (1879) eine staatliche Taubstummenanstalt, an der mein Vater als Lehrer wirkte, durfte ich hier in ländlicher Stille und Geborgenheit ein selten glückliches Kindheitsparadies erleben: Im weitläufigen, wohlgepflegten Anstaltsgarten und alten, von der „Grünbach“ traulich umflossenen Park, und vom naturverbundenen, als begeisterter Botaniker weithin bekannten Vater schon früh mit den Schönheiten des landschaftlich gesegneten Taubertals und seinen mineralogischen und botanischen Seltenheiten vertraut gemacht.

Unvergesslich die Wanderungen des Neunjährigen durch den Gerlachsheimer Hochwald zum Lateinunterricht bei Pfarrer Knörzer in Kützbrunn, die Schulwege (per pedes) nach Tauberbischofsheim, wo ich noch die Quinta besuchte, die Wunder des Jahrmarktes zu Königshofen. Obwohl ich meine ferneren Schul- und Studienjahre (Philipp Wolfrum war dort mein Lehrer und Freund) im schönen Heidelberg, wohin die Mutter nach de m frühen Tod des Vaters (1891) übersiedelt war, verlebte, bleibt mir doch mein Ge rlachsheim „im schönsten Wiesengrunde“ die zauberisch von allen guten Geistern einer glücklichen Jugendzeit gesegnete und verklärte Heimat, deren stille Schönheit nicht ihresgleichen in der Welt hat. Und noch jetzt, im hohen Alter, nach einem re ich erfüllten, oft stürmisch bewegten Leben, träume ich mich allabendlich „als Kind zurücke“; und die letzten Gedanken vor dem Einschlafen kreisen immer wieder um die Verzückung der erwachenden Kinderseele, die Herrlichkeiten des Gerlachsheimer Frühli ngs und Sommers, die Fronleichnamprozession durch die blühenden Fluren, die ehrfürchtig en Schauer der von ahnungsvollen Orgelklängen durchbebten, lichtdurchfluteten alten Barockkirche. Und so werden mich die Glocken der Heimat, diese Engelsboten seliger Jugendträume, bis zur letzten Ruhe begleiten, im Sinne des sc hönen Goethewortes: „Zierlich Denken und süß ́ Erinnern ist das Leben im tiefsten Innern“.